Wonisch, Otmar "Das St. Lambrechter Willehalm Bruchstück und andere Funde" In : Reichspost Jg. 27 Nr. 269 1920 S. 1

"Der 4. Jänner des Jahres 1786 war für die Abtei St. Lambrecht ein schwarzer Tag. Kaiser Josef II. setzte an diesem Tage seine Unterschrift unter das Aufhebungsdekret des Stiftes und überantwortete dieses den Aufhebungskommissären, deren Unverstand oder Böswilligkeit zahlreiche Schätze, die die Bibliothek, das Archiv, die Kunstkammer usw. bargen, dem völligen Verderben oder doch wenigstens der Zerstreuung preisgab. Nur zum geringsten Teil erhielt die Abtei nach ihrer Wiedererrichtung ihrer Bibliothek zurück, insbesondere verblieben alle Handschriften der Lyzealbibliothek, der jetzigen Universitätsbibliothek in Graz. Ist es alos dem St. Lambrechter Stiftsbibliothekar nicht gegönnt, wie vielen seiner Kollegen in anderen Abteien, in den Handschriften gleichsam zu schwelgen, so empfindet er eine um so größere Freude, wenn es ihm glückt, irgendwelche Funde von einiger Bedeutung zu machen, seien es nun Bruchstücke von Handschriften, wichtige Archivalien oder sonstige wertvolle Gegenstände.

Da die Schriftleitung der 'Reichspost' an mich das Ersuchen stellte, nähere Mitteilungen über den Wolfram von Eschenbach Fund zu machen, komme ich diesem Wunsche dadurch nach, daß ich das vorläufig Wichtigste über das Brucjstück mitteile und noch einiges über andere Funde in St. Lambrecht.

Das Willehalm Bruchstück ist ein Doppelpergamentblatt im Quartformat und bildete den Umschlag eines Buchdeckels. Es ist an den vier Ecken etwas beschnitten, wodurch die Anfänge und Enden einiger Verse verstümmelt sind. Jede Seite ist doppelspaltig mit Schriftzügen des beginnenden 14. Jahrhunderts sehr sauber beschrieben und enthält 72 Verse. Dazu kommen noch zwölf allerdings kaum leserliche Verse auf kleinen Pergamentstreifen, die gleichfalls an der Einbanddecke Verwendung fanden. Im ganzen sind also 300 Verse einer, wie es scheint, ganz verlorenen Willehalm Handschrift erhalten. Nach der Ausgabe der Werke Wolframs von Eschenbach von Albert Leitzmann in der 'Altdeutschen Textbibliothek' Nr. 15 umfaßt das neugefundene Bruchstück die Verse 358 15-25, 28-30; 360 1-5 (in die jedoch ein Vers eingeschaltet ist), 9-30; 361 1-30 des 7. Buches. Ferner vom 8. Buch 362 1-4, 7-30; 363; 364 1-14; 374 4-30; 375 - 378. Es enthält einen Teil der Schilderung der Vorbereitung König Terramers zum Kampfe und die Festung Orange und den Beginn der berühmten Schlachtbeschreibung selbst, worin das schöne Bild vorkommet:

Da begunden snatern die bogen,
Als die stonchen in dem neste,
Do der streit (scharph und) veste,
Was auf dem planie.

Eine Ergänzung des 'Willehalm' bedeutet demnach unser Bruchstück nicht, doch wird die Herausgabe und fachwissenschaftliche Bearbeitung manches interessante Ergebnis zeitigen. Vorläufig ist geplant, den literarischen Fund faksimiliert im Neujahrsheft 1921 der von Prof. Dr. W. Kosch herausgegebenen Zeitschrift 'Der Wächter' (München, Verlag Parcus & Co.) zu veröffentlichen. Die wissenschaftliche Bearbeitung durch einen Fachmann wird in der 'Zeitschrift für deutsches Altertum' erfolgen.

Ein gleichfalls von einem Buchdeckel abgelöstes Pergamentblatt aus dem 14. Jahrhundert, das die 50. und 51. Seite eines Foliobandes darstellt, überliefert in deutscher Sprache die Legende von den Erlebnissen der hl. Familie auf der Flucht nach Aegypten, insbesondere die Bekehrung des Räubers und den Sturz der 340 Götzenbilder im Tempel zu 'Splen'. Allem Anscheine nach fußt die Bearbeitung auf dem apokryphen Matthäus Evangelium, Pseudo Matthäus genannt, dem auch ein niederösterreichischer Dichter des 13. Jahrhunderts, Konrad von Fußesbrunnen (Feuersbrunn bei Krems) in seinem Gedichte von der Kindheit Jesu folgte.

Das dritte Bruchstück, das älteste der hier erwähnten, entstammt ebenfalls einer Foliohandschrift, und zwar des 12. Jahrhunderts. Hier haben wir es mit einem teil aus der Weltchronik des Mönches Frutolf von Michelsberg (+ 1103), zu tun, die man früher dem Abte Ekkehard von Aura zuschrieb, der aber das Werk nach dem Tode Frutolfs nur fortsetzte. Unser Rest, der Zusammenhänge mit der Jenenser Handschrift, dem Autograph Frutolfs, aufweist, umfaßt den Zeitraum von 687 bis 707 unserer Zeitrechnung.

Der Tag an dem das Willehalm Bruchstück gefunden wurde, brachte auch noch ein seltenes Stück ans Tageslicht, einen Holzkalender. Ich stand vor einem scheinbar unentwirrbaren Ding und wußte mit den sieben Holztäfelchen mit hieroglyphenähnlichen Zeichen anfänglich nichts anzufangen. Erst die Aehnlichkeit der Kerbschnitte mit den dreieckigen Tageszeichen des steirischen Bauernkalenders brachte mich auf die Vermutung, ich könnte es mit einem Kalender zu tun haben. Damit war auch das Richtige getroffen. Es galt nun die Reihenfolge der Blättchen festzustellen und die Zeichen zu deuten. Manche Tage sind nämlich durch gewisse Zeichen teils willkürliche, teils Attribute von Heiligen, besonders hervorgehoben. So stellte es sich nach und nach heraus, daß ich einen hölzernen Vorläufer des steirischen 'Mandl' oder Bauernkalenders, wie einen solchen auch ein Admonter Kalenderwiegendruck darstellt, entdeckt hatte. Holzkalender, deren Heimat die nordischen Länder sind, haben sich in unseren Gegenden nur sehr wenige erhalten. Veröffentlicht sind bisher, soweit ich die Literatur überblicke, erst zwei aus Südtirol und einer aus Krain. Die eingehende Bekanntmachung des St. Lambrechter Holzkalenders steht nun gleichfalls im nächsten Jahrgang der Zeitschrift 'Der Wächter' bevor.

Nach diesem kulturhistorisch bedeutungsvollen Stücke erwähne ich noch eine andere Seltenheit, vielleicht sogar ein Unikum, das ich gleichfalls aus dem Staube der Vergessenheit gezogen habe, eine Zauberrolle aus dem 18. Jahrhundert. Ein 6 1/2 Meter langer und 13 Zentimeter breiter Papierstreifen weist 44 Zauberzeichen und 24 Segen und Zauberformeln auf. Den Zeichen ist meist die Form des Kreises zugrundegelegt. Sie sollen Schutzmittel sein gegen Donner und Blitz, Feuer und Wasser, Untreue und Falschheit, Neid und Haß, jähen Tod, Fein[d]schaft, Verzauberung, Krankheit, Armut und Trübsal, Schlangenbiß usw. Andere wieder verhelfen zur Erlangung von Beliebtheit, besonders bei großen Herren, zur Schatzhebung, Unverletzbarkeit, Beschwörung der Geister usw. Natürlich fehlt das berühmte: 'Sator arepo tenet opera rotas' nicht, ebenso erscheinen der Drudenfuß in verschiedenen Zusammenstellungen und das Tau (T). Die Segensformeln sind ziemlich allgemein bekannt. Unter ihnen befinden sich u.s. ein 'Brief Christi' an König [...], die zahllosen Namen Jesu und Mariä, der Koloma[..]segen, die sieben Worte Christi am Kreuze, Unserer Lieben Frauen Traum usw. Besitzer der Rolle, die sehr abgegriffen ist, war eine Johann Karl Mayer. Sie selbst bildet nun eine Perle des von P. Romuald Pramberger begründeten Museums für Volkskunde im Stifte St. Lambrecht.

Als Archivar hatte ich gleichfalls ziemlich Glück, ich fand wertvolle Urbare, Urkunden usw., auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Im Laufe der Zeit wird sich die Fachwissenschaft mit ihnen vertraut machen können.

Mitgeteilt von P. Otmar Wonisch, St. Lambrecht"

ÖNB/ANNO

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