Wolfgang Payrich "Die Stiftsbibliothek Herzogenburg" In : "Menschen in Bibliotheken : 25. Österreichischer Bibliothekartag, St. Pölten, 15. - 19. September 1998" S. 117-120. (Mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Als 1512 in Herzogenburg ein Großbrand wütete, wurden einige Trakte des Stiftes in Schutt und Asche gelegt. Auch die Bibliothek wurde dabei ein Raub der Flammen. Wahrscheinlich besaß das Stift damals über 100 handgeschriebene Bücher und vielleicht ebensoviele Inkunabeln. Wieviele Bücher gerettet werden konnten, ist leider nicht überliefert.

Die ertsen großen Förderer der mittelalterlichen Bibliothek waren die beiden Pröpste Johannes III. von Parsenbrunn (1401-1433) und Johannes IV. von Linz (1433-1457).

Aus der Zeit vor dem Brand haben sich einige Buchfragmente erhalten. Fragment 42 aus dem 9. Jahrhundert ist das älteste Stück der Bibliothek. Von der Wende des 12. zum 13. Jahrhundert stammt das Fragment 32 mit Teilen eines Legendars. Das Fragment 43 ist Teil eines Nekrologiums vom Anfang des 13. Jahrhunderts. Es ist ein sicheres Zeugnis für die Schreibkultur des Stiftes in St. Georgen (von hier aus wurde das Kloster Mitte des 13. Jh. an den heutigen Standort verlegt.)

Ob das Stift in Herzogenburg eine eigene Schreibschule besessen hat, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Auf jeden Fall sind keine Handschriften auf Pergament mit wertvollen Initalen auf uns gekommen, sondern nur anspruchslose, auf Papier geschriebene Bücher. Sie haben alle einen praktisch-theologischen Inhalt und stehen im Zusammenhang mit den Seelsorgeaufgaben des Stiftes. Sieben Schreiber waren mit Sicherheit Klosterngehörige, von weiteren sieben ist es unsicher. Die kunsthistorisch kostbarsten Handschriften wurden erst in späteren Jahrhunderten angekauft.

Den ersten größeren Zuwachs nach dem Brand erfuhr die Bibliothek durch Propst Philipp von Maugis (1451-1500), der vor allem humanistische Werke bzw. lateinische und griechische Klassikerausgaben erwarb und die von seinem Bruder ererbte Bibliothek der Stiftsbibliothek einverleibte.

Propst Maximilian Herb (1687-1709) erbte ebenfalls von seinem Bruder 173 Bücher meist theologischen Inhaltes, die in zwei Fässern und einer großen Truhe verpackt auf der Donau von Deutschland nach Krems transportiert und von dort ins Stift gebracht wurden.

Im Zuge des barocken Stiftsneubaues wurde die Bibliothek von 1751 bis 1754 von Propst Frigdian Knecht (1740-1775) erbaut. Die Ornamentsmalerei fertigte Domenico Francia an, die figuralen Grisaillen wurden von Bartolomeo Altomonte gemalt. Die einfachen, doppelteiligen Bücherschränke wurden vom Orgelbauer Johann Henke entworfen. Propst Frigdian sammelte die Bücher mit einem unersättlichen Hunger, wie er selber scherzend zu sagen pflegte. Er erwarb u.a. die Bibel von 1205 (HS 100) und die kostbare Handschrift "Moralia in Job" (HS 95) aus dem 13. Jahrhundert.

Die Pröpste Stephan Peschka (1775-1779) und Michael Teufel (1781-1809) erwarben durch den Exjesuiten Abbe Johann Christoph Regelsberger viele Bände bei Bücherauktionen aus den Beständen aufgehobener Klöster.

Mit der Übernahme der aufgehobenen Stifte St. Andrä an der Traisen 1783 und Dürnstein 1788 kamen nur wenige Bücher, nachweislich nur einige Handschriften und Inkunabeln, nach Herzogenburg. Der Großteil des Bücherschatzes kam an die Wiener Hofbibliothek.

Petrus Schreiber, von 1781 bis 1788 auch Stiftsdechant, war mit Unterbrechungen fast 25 Jahre Bibliothekar. Eine große Anzahl von Büchern mit einheitlichen barocken Einbänden kam durch ihn in die Bibliothek. Sie tragen auf dem Einbanddeckel die goldenen Buchstaben "P.S." Ebenso vermachte er dem Stift 15 Inkunabeln.

Ein Inventar von 1832 beziffert den Buchbestand summarisch mit etwa 10.000 Bänden. 1887 war der Besitz bereits auf 50.000 Bände, 253 Inkunabeln und 223 Handschriften angewachsen. Dieser Zuwachs dürfte auch die Erweiterung der Bibliotheksräumlichkeiten veranlaßt haben. Unter Propst Norbert Zach (1857-1887) wurden 1870 die Gänge im zweiten Stock des Stiftes mit Bibliothekskästen ausgestattet. Unter ihm waren als Bibliothekare die bedeutenden Stiftshistoriker Wilhelm Bielsky, Michael Feigl und Frigdian Schmolk tätig. Sie veröffentlichten viele Beiträge zur Stiftsgeschichte.

Eine großzügige Erweiterung erfuhr die Stiftsbibliothek zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Maria Gräfin Falkenhayn übergab 1905 dem Stift die 30.000 Bände ihrer Schloßbibliothek in Walpersdorf. Neben diesen gräflichen Exlibris finden sich in der Sammlung auch Werke mit den Besitzvermerken der Jörger, Colloredo und der Herrschaften Droß und Ottenschlag.

Während der Weltwirtschaftskrise kam es 1927 zur Veräußerung von Inkunabeln, die vergleichsweise die Höhe des Schätzwertes der ehemaligen Stiftstaverne ausmachten.

Ebenso wurde in den sechziger Jahren aus wirtschaftlichen Gründen eine große Anzahl von Büchern veräußert. Anläßlich der Ausstellung im Jahr 1964 "Das Stift und seine Kunstschätze" wurde eine Neuafstellung der Bücherbestände begonnen, die aber bis heute nicht fertiggestellt werden konnte.

Derzeit ist die Bibliothek auf mehrere Standorte verteilt, und lediglich die Handschriften, die Inkunabeln und die Druckwerke bis zum Ende des 17. Jahrhunderts wurden nach dem Erscheingungsdatum geordnet. Der Rest ist weitgehend unbearbeitet. Der Gesamtbestand wird auf 80.000 Bände geschätzt. Dazu kommen noch 150 Inkunabeln und 150 mittelalterliche Handschriften.

Die älteste Handschrift ist ein österreichisches Psalterium des 12. Jahrhunderts (HS 106); sie enthält eine Reihe von großartigen Initialen. Die bedeutendste Handschrift der Bibliothek ist Cod.95: "Moralia in Job" von Gregor dem Großen. Sie wurde um 1620 in Mainz oder Regensburg geschrieben und enthält 36 ausgezeichnete Initalminiaturen im Stil der deutschen Malerei der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Cod. 223 ist eine oberitalienische Bibel der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit großen figurierten Initialen: fast alle Spalten tragen Federranken. Am Beginn der Genesis findet sich eine Gegenüberstellung der sieben Schöpfungstage mit christologischen Szenen. Ein österreichisches Graduale (HS 97) vom Beginn des 14. Jahrhunderts stammt aus einem Zisterzienserkloster. Sehr schön ist eine französische Bibel mit Miniaturinitialen aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts (HS 99).

Eine weitere Ausgabe von Gregors "Moralia in Job" ist der zweibändige Cod.94 aus dem dritten Viertel des 14. Jahrhunderts mit 18 figurierten Initialen, die von fünf Meistern stammen, die den Wenzelsbibelmeistern nahestehen. Die Handschrift wurde laut Eintragung in der Kartause Mauerbach geschrieben und war 1397 im Besitz der Kartause Olmütz. Wann und wie sie nach Herzogenburg kam, ist nicht bekannt.

Aus der bedeutenden Sammlung von Wiegendrucken seien folgende hervorgehoben: ein sehr schöner Venezianer Druck von 1478, Lactanius Firmanius' "Gegen die Heiden"; drei ausgezeichnete Kobergerdrucke aus Nürnberg, 1481; die Briefe des Enea Silvio Piccolomini (Papst Pius II.); ebenso von 1481 ein Kommentar zum Neuen Testament von Nicolaus de Lyra mit gezeichneten Initialen; und von 1483 ein Fastenbuch von Johannes Guitsch, gedruckt im Charakter der spätgotischen Handschriften.

Ein Zisterzienser-Missale aus Paris um 1487 ist mit kleinen kolorierten Holzschnitten illustriert. Zwei sehr gute Ausgaben der interessanten Weltgeschichte von Rolewinck seien noch angeführt: Die Wiener Ausgabe von 1490 ist reich mit Holzschnitten illustriert, die zweite aus Köln mit vielen Holzschnitten in der Art der "Schedelschen Weltchronik" aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Zum Abschluß ist noch eine Postilla von Guilerinus, Augsburg 1495, die ebenfalls mit Holschnitten illustriert ist, zu erwähnen.

Die oben beschriebenen Handschriften und Frühdrucke sind im Hauptraum der Bibliothek in Vitrinen ausgestellt und bei jeder Führung durch das Stift zu besichtigen. In diesem Bibliothekssaal befinden sich in den Bücherschränken nur Bücher aus dem 18. Jahrhundert, um den Eindruck einer barocken Schaubibliothek zu vermitteln. Durch die bescheidene Einrichtung wirkt die Bibliothek wie eine heimlige Studierstube.

Die letzte Handschrift wurde 1990 erworben. Sie ist ein türkisches Gebetbuch aus dem 19. Jahrhundert in arabischer Zierschrift. In der Mitte des Buches sind zwei romantisch gemalte Ansichten der Moscheen in Mekka bzw. Medina.

Zur Verfügung gestellt von www.klosterbibliotheken.at